5 Gründe nach Santo Domingo auszuwandern und 5 Gründe dort nicht zu leben

3. Grund um nicht in Santo Domingo zu leben

Du wirst immer der Gringo bleiben

Ein Ausländer wird immer der Ausländer bleiben. Du siehst anders aus, redest anders, kleidest Dich anders, hast eine andere Mimik und Gestik als die lokale Bevölkerung und einen völlig andere Herkunft und Vergangenheit.

Das ist soweit auch absolut normal, verständlich und zu akzeptieren. Aber fühlte ich mich nicht so sehr willkommen in der Dominikanischen Republik verglichen mit vielen anderen lateinamerikanischen Ländern, in denen ich bereits war. Auch nicht in der eher internationalen Sphäre rund um Santo Domingo. Das hat aber nichts mit der Grundsätzlichkeit zu tun, dass ich mich innerhalb einer Millionenstadt in neue und laufende Systeme eingewöhnen musste. Soweit ist das normal und ist mir auch zuvor immer recht gut gelungen.

Verglichen mit vielen anderen lateinamerikanischen Ländern, behandelt man Dich in Santo Domingo eher als wandelnde Gelddruckmaschine. Es wird einem Ausländer aus der westlichen Welt immerzu das Gefühl gegeben, dass er/sie der lokalen Bevölkerung etwas schuldet. Manche waren nicht einfach zufrieden mit den Münzen, die ich ihnen auf der Straße ab und an verteilt habe und haben tatsächlich unverschämterweise gar mehr verlangt.

Eine traurige Story über einen glücklichen Schuhputzjungen aus Santo Domingo

Insbesondere erinnere ich mich an eine Situation, als ich gemeinsam mit meiner (dominikanischen) Freundin auf dem ‘Plaza Colón’, saß. Das ist sowas wie der zentrale Platz in Santo Domingo, auch dem sehr viel Publikum die Straßen frequentiert.

Einer der zum typisch dominikanischen Stadtbild gehörenden Schuhputzer im jugendlichen Alter kam daher, als wir auf der Parkbank saßen. Wir beide trugen zu diesem Zeitpunkt Flip-Flops und Sandalen und außer den Fußnägeln gab es absolut gar nichts, was es zu polieren gab.

Er bettelte ziemlich intensiv nach Geld und ließ auch nach meiner mehrfachen favorisierten Antwort (“No”) einfach nicht von seinem Vorhaben ab. Alle Abblockversuche verpufften, weil er dennoch einen Weg gefunden hat, wie er an Hilfe von uns gelangen konnte.

Meine Freundin ist eine viel sozialere Persönlichkeit als ich es bin. Auf der anderen Seite wird sie aber auch nicht jeden Tag in den Straßen von Santo Domingo in dem Maße angeschnorrt, wie ich es werde. Wie dem auch sei, sie entschied sich mit mir gemeinsam zum nahegelegenen Supermarkt zu gehen und etwas Nahrung für den armen Jungen zu kaufen. Er stimmte zu, weil wir ihm kein Geld in die Hand drücken wollten, dass er hinterher für Alkohol oder Drogen verprasst.

Der Junge folgte uns also bis zum Supermarkt. Er setze sich auf die andere Straßenseite hin, weil er nicht mit all seinem Schuhreinigungswerkzeugen in den Supermarkt wollte und wartete also draußen. Meine Freundin und ich betraten den Supermarkt und diesmal war ich es, der sie anbettelte, doch bitte nicht zu viel Geld für einen völlig Fremden auszugeben.

Also haben wir zunächst einmal ein bisschen Zeit damit verbracht, um über die am besten geeigneten Lebensmittel nachzudenken. Wir haben uns entschieden, gewisse Grundnahrungsmittel zu kaufen, z.B.:

  • 5 kg Reis
  • 1 Gallone Coca Cola
  • 20 Bananen
  • 2 kg Bohnen
  • Brot
  • etc.

Insgesamt haben wir also 900 Dominikanische Pesos (ca. 15 Euro) ausgegeben. Damit stopft man selbst die hungrigsten Mäuler einer mehrköpfigen dominikanischen Familie für viele Tage.

An der Kasse hat es dann nochmals knapp 10-15 Minuten gedauert, bis wir dran waren. Auch ein typischer Faktor, den man in der Dominikanischen Republik in den Supermärkten erst einmal lernen muss: Geduld.

Ich hatte also meine Zweifel, ob der Junge nach insgesamt 20 – 25 Minuten Wartezeit überhaupt noch vor der Supermarkt sitzen würde. Er saß tatsächlich noch da. Aber was dann geschah, hätte ich selber kaum für möglich gehalten.

Nur circa 10 Sekunden, bevor wir beide mit den Plastiktüten voller Lebensmittel seinen Wartepunkt erreicht haben, wurde er von einem anderen Pärchen kontaktiert. Sie waren eher wie gewöhnliche Touristen gekleidet und vor uns in einer anderen anderen Schlange im Supermarkt.

Dieses Pärchen hat ihm ebenfalls mehrere Tüten voller Lebensmittel spendiert. Auch wenn ich zögern wollte, haben wir letztlich doch ihm auch unsere Plastiktüten mit den Lebensmitteln überreicht. Aber aus dieser einzigartigen negativen Erfahrung habe ich gelernt, was es für mich als Ausländer in einer Stadt wie Santo Domingo bedeutet.

Der Schuhputzjunge hingegen hatte an diesem Abend natürlich seinen absoluten Jackpot gelandet/ Weder konnte sein Glück kaum fassen, noch alle 20 Plastiktüten und seinen Schuhputzkoffer gleichzeitig tragen. Und natürlich auch nicht, dass er gleich zweimal auf diese Weise erfolgreich war. Etwas strauchelnd und unsymmetrisch zog er dann voll bepackt von dannen.

Zwei Tage später (!) hat mich derselbe Schuhputzjunge (!!) auf derselben Parkbank (!!!) mit der exakt selben List (!!!!) erneut versucht zu täuschen. Dieses Mal jedoch war ich glücklicherweise (oder leider?) ohne meine Freundin dort und konnte ihr leider nur von dieser Geschichte erzählen. Ich hätte mir natürlich gewünscht, dass sie diese Story mit den eigenen Augen gesehen hätte.

Aber die gleiche Story (!!!!!) erneut zu hören, hat mich schon ziemlich verärgert. Insbesondere dann, als er den gleichen mitleidsvollen Trick erneut versucht hat, anzuwenden ohne mich wiederzuerkennen. Ich teilte ihm mit, dass ich ihm bereits zwei Tage zuvor eine Menge Lebensmittel gemeinsam mit meiner Freundin überreicht hatte. Er konnte sich nicht mal mehr an mich erinnern oder an die Geschichte, die ich versuchte bei ihm zu wecken.

Ohne die Aussicht auf Erfolg ging er dann fort und hat es noch bei anderen Leuten auf anderen Parkbänken mit dem gleichen Trick versucht. Danach habe ich ihn nie wieder gesehen.

Warum geschieht das alles in Santo Domingo?


Leider wird man als weißer Auswanderer in der Dominikanischen Republik nicht mal als nobler Spender wahrgenommen, für den man sich in einer solchen Situation hält. Sondern als Mittel zum Zweck. Als ob es als meine Verpflichtung wahrgenommen wird, diesen Menschen zu helfen. Wenn ich pro Stunde allerdings 10 Mal angeschnorrt und angebettelt werde während ich friedlich auf einer Parkbank sitze, dann vergeht selbst mir irgendwann die Lust.

Das alles passiert aus dem Grund, wie uns die Dominikaner wahrnehmen. Ungefähr wie folgt:

El Gringo

Wir sind leider nichts weiter als Gringos für die Dominikaner. Das solltest Du Dir merken und daran musst Du Dich zwangsläufig gewöhnen, wenn Du in Santo Domingo oder der Dominikanischen Republik wohnen willst. Du kannst weder etwas für, noch gegen diese Situation tun. Alles was ich im ersten Textabschnitt dieses Grundes geschrieben habe, wird auf Dich zutreffen.

Die Leute in Santo Domingo werden Dich unter die Lupe nehmen, schnell abchecken und identifizieren. Ganz besonders schlimm ist es aber, wenn Du weißer Hautfarbe bist. Du wirst als Millionär und Gelddruckmaschine wahrgenommen. Ein sehr trauriges Gefühl, da kein Dominikaner Deiner Story Glauben schenken mag oder warum Du Dich für Santo Domingo als Lebensziel entschieden hast, wenn Du doch als Europäer so viele bessere Möglichkeiten im Leben hast.

Fur sie bist Du so etwas wie ein Eindringling und wirst höchstwahrscheinlich niemals die Gelegenheit haben, ein ernsthafter Teil der dominikanischen Kultur zu werden. Auch wenn das alles leider auf den ersten Blick etwas negativ klingt, verstehen Dominikaner es einfach nicht, wie sie normal und gepflegt mit fremden Menschen in Kontakt treten, mit ihnen interagieren oder sie in ihre eigenen Systeme langfristig integrieren sollen.

Ein gutes Beispiel ist hier eines der wirklich wenigen kulturellen Ereignisse in der Dominikanischen Republik. Wenn Du ein wenig an der schwarzen Kultur der afroamerikanischen Vergangenheit und einem typischen dominikanischen Festival interessiert bist, dann check mal den folgenden Artikel in englischer Sprache aus:


Fiesta de Palos in San Cristobal – Celebrating the traditional Afro-American culture in the Dominican Republic

What is ‘Fiesta de Palos’ and how do they celebrate it in the Domincan Republic?

Luckily, I could join this racket and was surprised how Dominicans celebrate their culture on a Sunday afternoon in San Cristobal.


Ich hatte Glück, dass ich die richtigen Leute kenne, die mich auf ein solches Festival mitgenommen haben. Ohne deren Hilfe wäre es mir unmöglich gewesen, an einem dieser typisch dominikanischen Festivals teilzunehmen und es zu beobachten. Diese sind in der Regel nur innerhalb von dominikanischen Gemeinden zu finden und wenig Informationen oder Einladungen dringen nach Außen.

All diese Gründe lesen sich, als wären die Dominikaner sehr verschlossene und xenophobe Menschen. Genau das sind sie aber nicht. Dominikaner sind extrem einladende und gastfreundliche Menschen, die stetig lächeln und frohen Gemütes durch die Straßen trällern.

Und genau aus diesem Grunde kann ich diese extreme bipolare Kluft zwischen den beiden Verhaltensweisen im Umgang mit Fremden, bzw. Ausländern beim besten Willen nicht nachvollziehen.

Auf der einen Seite sehr herzliche, gastfreundliche und gutmütige Persönlichkeiten. Sie erzählen gerne eine Geschichte über das alltägliche Leben in Santo Domingo oder dem Rest der Republik und fragen Dich, ob Du schon mal das berühmte dominikanische Sancocho gegessen hast. In der Regel kocht die Mutter/Tante/Schwester, etc. das beste Sancocho der gesamten Dominikanischen Republik und Du solltest es unbedingt mal probieren.

Aber auf der anderen Seite sind sie absolut verschlossen gegenüber Fremden und ganz besonders dann, wenn es um eine längerfristige Integration eines Auswanderers geht. Du darfst zwar an der Oberfläche ein wenig kratzen, aber die tieferen Eindrücke bleiben Dir leider verwehrt, weil Du niemals ein Teil derer sein wirst.

Auch aus diesem Grunde hat sich eine starke Gemeinschaft an internationalen Auswanderern in der kolonialen Altstadt gebildet. Viele Ausländer wohnen dort, die ähnlich denken und eingestellt sind wie ich. In all meinen vorigen Stationen in Lateinamerika habe ich versucht, mich eher von deutschsprachigen Leuten oder ähnlichen Leuten der westlichen Kultur fernzuhalten. Ich wollte viel lieber Kontakt zur lokalen Bevölkerung pflegen und kulturell von ihnen lernen und mein Spanisch verbessern.

Das alles ist allerdings nur bedingt in Santo Domingo möglich und sehr schwierig. Es gibt keinen internationalen Sprachzirkel, oder irgendwelche rhythmischen Organisationen zum kulturellen Austausch. Du bist ein wenig auf Dich alleine gestellt in Deinem Freundeszirkel mit anderen Auswanderern.

Natürlich ist das auch nicht verkehrt und Du kannst ebenfalls von den internationalen Auswanderern eine Menge lernen. Aber es ist nicht ganz so fortschrittlich, als wenn Du Dinge von der lokalen Bevölkerung von Insidern lernen würdest. Viele Dinge aus der dominikanischen Kultur werden nicht öffentlich kommuniziert und bleiben für immer ein Geheimnis für den gewöhnlichen Auswanderer. Selbst für jene, die schon seit Jahren in Santo Domingo wohnen.

Du wirst in Santo Domingo toleriert. Aber ich habe niemals das Gefühl verspürt, wirklich akzeptiert und gewollt zu werden von der dominikanischen Community. Egal, wie sehr ich es versucht habe.

Die Mehrheit der dominikanischen Bevölkerung nähert sich Dir dann an, wenn sie einen Vorteil von Dir erhaschen wollen oder Dich um finanzielle Unterstützung bitten wie der Schuhputzjunge. Die andere Hälfte schwärmt vom Heimatland und lässt Dich aber nur durch Geschichten eher bedingt am täglichen dominikanischen Leben teilhaben.

Nächster Grund: Typische Probleme einer Großstadt, nur viel schlimmer

One Comment Add yours

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.